Januar 2012
Das bange Warten der Imker
GUNTERSHAUSEN. Im Winter verkriechen sich Honigbienen
tief in ihren Wabenboxen und helfen dort der Königin,
in der Kälte zu überleben. Ob ihnen das gelingt,
zeigt sich den Imkern wie Guido Schöb erst im Frühling.
MARIO TESTA
Im Bienenhaus von Guido Schöb ist es still. Kein
Brummen ist zu hören, kein leises Kratzen in den
Holzboxen der Bienen. «Die Tiere sind jetzt in
der Winterruhe. Sie fahren ihren Stoffwechsel herunter
und bewegen sich möglichst wenig, um nicht viel
Energie zu verbrauchen», sagt der erfahrene Imker.
«Dieser Winter ist jedoch relativ warm, und daher
sind die Bienen nicht ganz so ruhig und brauchen auch
mehr Futter als sonst.»
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Eigentlich wäre der gesammelte Honig die Winterverpflegung
der Tiere. Weil dieser jedoch im Spätsommer aus
den Bienenstöcken entfernt und für den Verzehr
der Menschen in Gläser abgefüllt wird, brauchen
die Bienen anderes Futter, um den Winter zu überleben.
«Ich gebe ihnen Zuckerwasser. Das vertragen sie
auch besser, weil es nicht so konzentriert ist wie Honig.»
Kälte stört die Bienen nicht
Guido Schöb hätte nichts dagegen, wenn der
bisherige Winter kälter ausgefallen wäre.
Die Tiere würden auch Temperaturen von mehreren
Dutzend Grad unter null in ihren Holzboxen im Bienenhaus
überleben, sagt er.
«Kälte macht ihnen nichts aus. Die jüngeren
und kleineren Bienen im Stock bewegen sich im Inneren
der Traube. Die älteren und grösseren sind
in den äusseren Bereichen anzutreffen. Sie rotieren
ständig, damit keine erfriert. So sorgen sie für
stabile 22 bis 23 Grad im Zentrum der Traube, wo die
Königin sitzt.»
Sachte hebt Schöb eine Isolation von einer der
Kisten und sagt mit ruhiger Stimme: «Sehen Sie,
die schlafen nicht. Diese wenigen Bienen, die Sie hier
durch das Loch sehen (siehe Foto), gehören zu den
älteren im Stock. Die jüngeren und die Königin
sind jetzt nicht zu sehen. Schnell, machen Sie ein Foto,
wir dürfen sie nicht zu lange stören.»
Während Schöb die Isolation schnell wieder
auf die Kiste legt, zitiert er ein Imker-Sprichwort:
«Verliere den Schlüssel zum Bienenhaus im
Herbst und finde ihn erst im Frühling wieder.»
Dieser Satz drücke aus, dass jede Störung
der Bienen im Winter sich auf die Gesundheit der Tiere
negativ auswirkt, wie Schöb sagt. «Das kann
zum Verlust ganzer Völker führen.»
Viel weniger Bienen im Winter
Im Winter besteht ein Bienenvolk aus etwa 8000 bis
10 000 Tieren, alles sogenannte Winterbienen, die zwischen
Juli und Oktober geboren wurden. Die Sommerbienen, welche
den Honig sammeln und einlagern, sterben im Verlauf
des Herbstes – einzig die Königin überlebt
mehrere Jahre. «Jetzt fängt sie gerade wieder
damit an, die Eier der Sommerbienen zu legen, diese
Aufgabe beschäftigt sie bis in den Juni.»
20 000 bis 80 000 dieser Eier presst die Königin
bis zum Sommer in die sechseckigen Waben. Bei den 50
Völkern, die Guido Schöb besitzt, sind das
weit über eine Million Bienen, die schlussendlich
im Hochsommer für ihn ein- und ausfliegen werden.
«Im Frühling gleiche ich einige Völker
manchmal etwas an. Wenn eine Königin nur wenige
Eier, eine andere dafür sehr viele gelegt hat,
nehme ich die Brut der einen und setzte diese Wabe in
die Box eines anderen Volkes. Die Bienen merken nicht,
dass das Findelkinder sind.» Dieses Vorgehen sei
nicht ganz unumstritten, habe er jedoch von Grossimkern
in Kanada, Schweden und den USA so gelernt und Erfolg
damit. «Kommen Sie, wir lassen die Bienen jetzt
wieder in Ruhe.»
Ein Leben für die Bienen
Zuhause bei sich in Guntershausen parkiert Guido Schöb
sein Auto auf der Zufahrt. In der Garage stand es noch
nie, diese hat Schöb schon vor Jahren zu seinem
Honig-Verarbeitungs-Zentrum umgebaut. Grosse Kannen,
Hunderte Wabenrahmen und ein Kühlschrank stehen
im aufgeräumten Raum.
In einem Vitrinenschrank in einer Ecke der Garage
lagert Guido Schöb die Ernte der letzten Saison.
Dutzende Gläser mit zweierlei Honig: dickflüssiger,
klarer Tannenhonig und trüber, fester Blütenhonig.
«Die letzte Saison war gut – nicht gerade
super, aber gut. Mit Streptomycin haben wir Hinterthurgauer
Imker glücklicherweise kaum Probleme.
Es gibt nur wenige Bauern, die es einsetzen.»
Jetzt im Winter ist Schöb damit beschäftigt,
den Honig zu verkaufen und die kaputten Waben wieder
in Schuss zu bringen; sie mit frischen Wachsplatten
zu versehen. «Winterzeit ist Flick- und Vorbereitungszeit.
Aber ich muss ehrlich gestehen, ich fiebere dem Frühling
entgegen, wenn ich endlich wieder zu meinen Bienen gehen
kann.»

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